ETF-Treffen: Offenheit, US-Visa-Probleme und neue Strukturen

Der Vorsitzende der Internet Engineering Task Force (IETF), Brian Carpenter, zeigt sich besorgt über Schwierigkeiten bei der Visaerteilung für die Teilnehmer an IETF-Treffen in den Vereinigten Staaten. “Einige Teilnehmer hatten Schwierigkeiten, die erst kurz vor dem Treffen durch eine Intervention der Internet Society (ISOC) beim US-Außenministerium beseitigt werden konnten,” sagte Carpenter bei der ersten von zwei Plenarsitzungen der IETF in Dallas. Das Visaproblem stelle eine Gefahr für die traditionelle Offenheit der IETF dar, warnte Carpenter. Etwa 20 chinesische Teilnehmer mussten bis zum Schluss um die Einreiseerlaubnis bangen, teilte Miriam Kühne von der ISOC auf Anfrage von heise online mit. In “mehr als der Hälfte der Fälle” waren die Bemühungen der ISOC erfolgreich.

Teilnehmer sehen darin, dass inzwischen mehr Treffen als früher außerhalb den USA stattfinden, auch eine Reaktion auf diese Einreiseprobleme. Das nächste Treffen im Sommer findet wie auch schon das Herbsttreffen des vergangenen Jahres in Kanada statt. Im Herbst kommt die IETF dann voraussichtlich wieder nach Europa. Aber wie schon beim Sommertreffen in Montreal ist man offensichtlich spät dran bei den Verhandlungen mit dem potenziellen Sponsor.

In Dallas gab es in den Peer-Gremien der IETF, dem Internet Architecture Board (IAB) und der Internet Engineering Steering Group (IESG), ein beträchtliches Stühlerücken. Für beinahe ein Dutzend altgediente Mitglieder aus IAB und IESG musste das Nominierungskomitee Nachrücker finden. Viele Veränderungen hat die einst völlig lose Entwicklergemeinde auch durch ihre inzwischen abgeschlossene Administrativreform erfahren, die sich nun auch in einem geänderten “Tao der IETF” niederschlagen soll. Der neue hauptamtliche Direktor, der für die IETF Administrative Support Activity (IASA) verantwortlich zeichnet, und das IETF Administration Oversight Committee (IAOC), das unter anderem für den Treuhandfonds mit all den Urheberrechten sorgt, sind im neuen “IETF-Tao” aufgenommen.

Trotz der neuen Organisation mit der IASA bleibt die IETF nach wie vor “unverfasst”, die Internet Society dient weiter als Dach. Die Urheberrechte an den RFCs musste die ISOC aber inzwischen ebenso an den Treuhandfonds übertragen wie das frühere Sekretariat beim Corporation for National Research Initiatives (CNRI) die Rechte am Namen IETF herausrücken musste.

Eine weitere vertragliche Änderung streben die Leitungsgremien der IETF nun offenbar für dieses Jahr auch noch an: eine Klarstellung der IETF-Hoheit bei der Festlegung von Protokollparametern, die bei der IANA registriert werden. In einer Antwort auf den vom US-Handelsministerium veröffentlichten “Request for Information” zur möglichen Neuvergabe der IANA-Aufgaben schreiben IAB-Chefin Leslie Daigle und IETF-Vorsitzender Brian Carpenter, die IETF würde ein Herauslösen der Definition der Protokollparamenter aus dem IANA-Aufgabenkatalog bevorzugen.

Zu der Klarstellung sieht sich die IETF wohl auch deshalb veranlasst, da die Vergabe bestimmter Protokollparamenter, etwa Portnummern, von der US-Regierung teilweise mit der Vergabe von IP-Adressen vermischt wurde. Zudem wunderte man sich bei der IETF, dass ihre Rolle dabei und auch bei der Festlegung neuer Top Level Domains für technische Zwecke übergangen wurde. Man sei verwirrt, dass die vertraglich geregelte Aufgabenteilung zwischen der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers und IETF nicht berücksichtigt worden sei, schreiben die IETF-Verantwortlichen.